Trotz intensiven Protests aus der Autismus-Community und der Selbstvertretung wurde die geplante Änderung der Denomination des bundesweit einzigartigen Lehrstuhls an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) durch die Fakultät beschlossen und wird höchstwahrscheinlich auch den Senat passieren. autSocial e.V. bewertet dies als Teil einer besorgniserregenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die zur Schwächung emanzipatorischer Forschung führt.
Das Ergebnis: Inhaltliche Verkürzung trotz starker Beteiligung
Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat entschieden, die Denomination des Lehrstuhls für „Pädagogik bei kognitiver Beeinträchtigung und Pädagogik im Autismus-Spektrum“ wie geplant zu ändern. Künftig soll die Professur auf „Pädagogik im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Autismus-Spektrum“ ausgerichtet werden.
Diese Neuausrichtung stellt nach unserer Überzeugung eine inakzeptable inhaltliche Verkürzung dar. Der bisherige Lehrstuhl, der von uns nachdrücklich unterstützt wurde, stand für eine emanzipatorische und empowernde Autismusforschung, die sich auf ein selbstbestimmtes Leben, gesellschaftliche Teilhabe und die Anerkennung der Erfahrungsexpertise autistischer Menschen („Nichts über uns ohne uns“) konzentrierte. Diese wegweisende Arbeit, wie sie von Prof. Theunissen und Prof. Lindmeier verfolgt wurde, geht über den engen Fokus Schule und Förderschwerpunkte hinaus. Die neue Denomination mit dem Begriff „Förderschwerpunkt“ verengt das wichtige Thema unnötigerweise auf den schulischen Kontext.
Die Wirkung des Protests
Unser gemeinsamer Protest zeigte Wirkung: Es ist uns bekannt, dass tatsächlich viele Briefe bei den Verantwortlichen eingegangen sind, das Anliegen wurde wahrgenommen und der Punkt mit den zahlreichen Mails wurde in den Gremien diskutiert.
Leider reichte die starke Beteiligung der Selbstvertretung und der Unterstützerinnen und Unterstützer nicht aus, um die Entscheidung zu verhindern. Die Universität begründete die Änderung damit, dass das Institut primär für die Ausbildung von Lehrer*innen zuständig sei und daher die Schwerpunkte entsprechend gesetzt werden müssten.
Eine besorgniserregende gesamtgesellschaftliche Entwicklung
Wir von autSocial e.V. sehen diese Entscheidung im Kontext einer breiteren, besorgniserregenden gesellschaftlichen Entwicklung. Leider passt die Umwidmung der Professur in Halle in die aktuelle Entwicklung, in der emanzipatorische Forschung geschwächt wird. Auch in Köln wurde beispielsweise die Professur für „Soziologie und Politik der Rehabilitation und Disability Studies“ nach einer Pensionierung in eine Professur für Rehabilitationspädagogik umgewandelt. Zudem wird in Hamburg die Professur für Disability Studies am Rauhen Haus gleich gar nicht mehr ausgeschrieben, und voraussichtlich wird auch das ganze Zentrum für Disability Studies geschlossen.
Positionierung ist wichtiger denn je
Angesichts dieser Entwicklungen, die in größere gesellschaftliche Tendenzen passen, finden wir es umso wichtiger, dass wir uns als Selbstvertretung klar zu diesen Entwicklungen positionieren.
Wir werden uns weiterhin mit Nachdruck für eine Forschung einsetzen, die Autismus als gleichwertige neurologische Variante begreift, die Menschenrechte achtet und die volle gesellschaftliche Teilhabe autistischer Menschen in allen Lebensbereichen zum Ziel hat. Der Kampf um die emanzipatorische Perspektive ist mit dieser Entscheidung nicht beendet.